Brief an René Peier zur Regiearbeit: 'Der Neidhart mit dem Veilchen'

März 2017

Das blaue Schauspielwunder

Am Ende hat er doch recht behalten. Mit seiner akribischen Arbeit an Details, die sich später zum grossen Ganzen fügen, und zu leben beginnen. Mit seiner Arbeit, die nicht danach fragt, ob Aufwand und Ertrag im Verhältnis stehen, ob sich der Aufwand lohnt, schon gar nicht in pekuniärer Hinsicht, also Arbeit im besten Sinne, nicht als Mittel zum Zweck, sondern, um so gut wie möglich gemacht zu werden, ständiges Bemühen, um der Sache selbst willen, und nicht für Lohn, Preis und Ehr. Und so war er unermüdlich immer zur Stelle für endloses Proben in der dunklen, staubigen, miefigen Gruft in der Verena-Conzett-Strasse in Zürich, um uns zum Leuchten zu bringen, getrieben vom unerschütterlichen Glauben, dass sich aus dem talentfreiesten, tumbsten Tölpel ein Schauspieler machen lässt, wenn man nur redlich strebend sich bemüht. So erwartete er uns jeden Mittwoch und Samstag, und Sonntag, und Montag, und Dienstag, und manchmal auch Donnerstag und Freitag, zum Proben nach Probenplänen, die man auch nach hundertfacher Lektüre nicht verstanden hat, stets aufgezogen wie eine Spieluhr, stets hellwach wie auf Koks, stets voller Energie wie ein Kraftwerk, stets schwitzend wie ein Schwein und stets spitz wie Nachbars Lumpi. All das ist schon wieder Vergangenheit, die Bühne ist abgebaut, wir gehen nach Haus, das Spiel ist aus, vorbei und bald vergessen. Eines werde ich jedoch nie wieder los. Wenn immer ich ein Veilchen, ein unschuldiges, reines Alpenveilchen, wie ich es schon als Achtjähriger auf unserem Stand auf dem Wochenmarkt in Bad Salzuflen einwickelte und verkaufte, wenn immer ich also so ein Veilchen erblicke, werde ich nie wieder nur ein einfaches Veilchen sehen, sondern üppige, mannsgrosse, sich kräuselnde Schamlippen, mit Fältchen so tief wie Furchen, aus denen man, einmal hineingefallen, nie wieder hinauskommt, sondern von dem fleischfressenden Blümlein lustvoll schmatzend verzehrt wird. So bin ich nicht nur um sehr viel Erfahrung, sondern auch um ein Trauma reicher. Dazu muss man wissen: Das Veilchen spielt eine zentrale Rolle in dem Stück „Der Neidhart mit dem Veilchen“. Wenn René Peier auf den Proben das Gefühl hatte, wir Akteure besprechen das Veilchen ohne den nötigen Respekt, die gebührende Ehrerbietung, oder einfach lustlos und gelangweilt, hat er uns bild- und wortreich erklärt, dass das Veilchen nur eine Metapher sei für die Pforte zum heiligen Schrein, der da thront auf den schönsten Säulen, die die Welt kennt, und wie sie nur der liebe Gott persönlich erschaffen kann: den Beinen einer Frau. Und im Innern des Schreins würde warten dann ein Lustgarten, mit Wonnen so süss und saftig, wie man sie sich in den kühnsten Träumen nicht vorzustellen vermag. Wer aber die Düfte des Veilchens nicht zu schätzen weiss und mit seiner Zartheit nicht umzugehen versteht, dem wird sich diese Pforte nie öffnen, und er wird sich nie laben können an dem Quell allen neuen Lebens.